Diskriminierung im Arbeitsmarkt ist kein Einzelfall, sondern ein institutionelles und strukturelles Problem

erstellt von Karina Savio, Heike Kühn | |   Expert*innen-Interview

Elisa Bongiovanni kommt aus Italien, ist Soziologin und Politologin und hat im Jahr 2015 am Programm BeuthBonus teilgenommen. Sie wohnt seit 11 Jahren in Berlin und bringt viele Fähigkeiten als Beraterin im Bereich Vielfalt und Antidiskriminierung mit. Sie berichtet über die Zeit im Programm und die Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt, die sie seitdem gesammelt hat. Sie erzählt uns, wie diskriminierend die Arbeitswelt sein kann und wie wir gut von Beratungsangeboten profitieren können.


Ihre Beziehung zu Deutschland begann mit dem Anfang ihrer universitären Ausbildung. Können Sie uns ein wenig davon erzählen? Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Eigentlich beginnt meine Beziehung zu Deutschland schon früh in der Familie, weil ein Teil meiner Familie deutschsprachig ist. Deswegen hatte ich bereits als Kind die Möglichkeit, mich mit der Sprache vertraut zu machen. Irgendwann als ich älter und in der Uni war, habe ich überlegt: „Eigentlich wäre Deutschland ganz cool“. Während meines Bachelors habe ich an einem Erasmus-Programm teilgenommen und mich danach für ein Masterstudium hier in Berlin beworben. Ich bin aber mit null Vorstellung, wie die Stadt sein wird und ohne sie vorher gesehen zu haben, hierhergekommen und ich habe mich verliebt. Es war nicht immer eine leichte Beziehung. Es gab Höhen und Tiefen, aber wir verstehen uns immer noch sehr gut.

 

Warum haben Sie sich damals dazu entschieden, an BeuthBonus teilzunehmen?

Es war eine Veränderungsphase. Ich war mit meinem Studium fertig und ich hatte sehr wenig Erfahrung, wie der Arbeitsmarkt hier funktioniert. Es stimmte alles auf dem Papier, aber ich wusste nicht, was ich machen sollte. Dann habe ich über BeuthBonus gelesen und dachte: „Das ist genau die Schnittstelle, die ich jetzt brauche. Eine Begleitung, die ganz speziell für mich maßgeschneidert ist“. Diese Zielgruppe, die einen akademischen Hintergrund hat, sowie die Zielsetzung mit der Berufsfindung und Integration im Arbeitsmarkt, war genau passend für mich. Und es war auch der Austausch mit anderen Menschen, die genau dieselben Erfahrungen machen. Dieses Gefühl: „Du bist nicht allein“ und da gibt es Strukturen, die dich unterstützen. Das Programm ist nicht kurzfristig angelegt. Ich merke immer wieder, wie wertvoll und nachhaltig das Projekt ist. Ich habe auch an einigen Netzwerktreffen teilgenommen und habe immer noch Kontakt mit damaligen Teilnehmern.

 

Wie war es für Sie Ihr Berufsleben hier in Deutschland neu auszurichten? Auf welche Herausforderungen sind Sie gestoßen?

Berufserfahrung ist so wie eine Kompetenz. Je mehr Erfahrung du hast, desto besser weißt du auch, was du kannst, aber auch was du nicht kannst und nicht willst. Du bist bei jeder Stelle mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Am Anfang des Berufslebens, wenn du neu bist, kennst du die Arbeitswelt nicht. Du hörst dir einfach alles an und sagst ja. Zumindest habe ich das gemacht. Meine erste berufliche Erfahrung war tatsächlich bei einer Stelle, in der ich nach der Probezeit gekündigt habe. Das war für meine Familie in Italien ein absolutes No-Go, ein Tabu. Aber ich konnte das nicht. Ich hätte mich kaputt gemacht, weil ich damals nicht die nötige Kompetenz für diesen Job hatte. Ich merke jetzt, dass es gut war diese Pause zu machen. Ich habe mir weitere Stellen rausgesucht, mehr in die Richtung Erwachsenbildung, Gender und interkulturelle Bildung. Diese Bereiche waren mir wichtig und ich habe mich dann in der zweiten Stelle viel besser gefühlt. Ich bin glücklich gewesen und ich war dann für 2 Jahren in diesem Projekt, indem es um Geflüchtete, Migrant*innen und Beratung für den Arbeitsmarkt ging. Dort habe ich ganz viele Erfahrungen gesammelt.

Ich habe während des zweiten Jobs eine zusätzliche Ausbildung als Diversity-Trainerin gemacht, weil ich gemerkt habe, dass es ein neues bedeutendes Thema war. Und so merkte ich, dass ich immer mehr Werkzeuge, die ich für die Arbeitswelt hier in Deutschland benötige, bekam. Und außerdem sammelst du im BeuthBonus-Programm nicht nur Erfahrungen, sondern man baut sich auch ein wertvolles Netzwerk auf. Hinsichtlich des Programms sollte man Interesse, Motivation und Spaß mitbringen. Aber auch ein Netzwerk und Erfahrungen sind hilfreich.


Sie haben als mobile Beraterin in Flüchtlingsunterkünften gearbeitet. Wie war diese Erfahrung für Sie? Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewonnen und wie hat dieser Job Ihr weiteres Berufsleben beeinflusst?

Es war eine komplett neue Erfahrung. Ich hatte schon ein bisschen Beratungserfahrung, weil ich in der Stelle zuvor bereits als Beraterin in einer Schule gearbeitet hatte. Wir waren mehrere Mobile-Bildungsberaterinnen, die für viele Trägereinrichtungen, mit dem Fokus auf Frauen, gearbeitet haben. Die Mobile-Idee ist, dass man als Berater*in nicht nur vor Ort beim Träger arbeitet, der schwierig für die Frauen zu finden ist, sondern auch in den Unterkünften, Sprachschulen, usw. So erreicht man die Frauen. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Das Beraten von Menschen erfordert viele Stärken. Man hatte dort mit vielen Menschen zu tun, die traumatische und gewalttätige Erfahrungen gemacht hatten. Und man lernt auch, dass es ein schwieriger langer Prozess ist. Und auch dieses Wort „Integration“ – das ich persönlich nicht mag – geht nicht von heute auf morgen. Das habe ich in diesem Projekt gelernt. Wir hatten auch Zielvorgaben und Zahlen, die wir erreichen sollten. Aber es ist ein langjähriger Prozess und Erfolg bewerte ich jetzt ganz anders. Das bedeutet Schritt für Schritt voranzukommen.


Können Sie BQN und die Arbeit des Programmes „Berlin braucht dich!“ präsentieren?

BQN Berlin ist ein Träger mit einer interessanten Geschichte. Der Träger ist aus dem Projekt Berlin braucht dich! heraus geboren. Danach hat sich der Träger mehr und mehr vergrößert und seine Identität bekommen. Bei BQN geht es um diversity-sensible Organisationsberatung, die den Blick sowohl auf Schule als auch Betriebe, die diversity-sensible Begleitung möchten, richtet. BQN bringt Erfahrungen in Empowerment und Anti-Diskriminierungsansätze mit. Das Ziel ist, die Chancengleichheit zu ermöglichen und Barrieren abzuschaffen. Bei „Berlin braucht dich!“ geht es insbesondere um die Schnittstelle zwischen Schule und Beruf. Wir arbeiten zusammen im Konsortium mit Schulen und Betrieben, um gemeinsam Wege zu finden. Damit Jugendliche, die aus kumulierten Risikolagen kommen und Diskriminierungserfahrungen haben, einen besseren Zugang zur Ausbildung finden. Es ist das Hauptziel für diese Jugendlichen neue Wege zu finden sowie Schulen und Betriebe zu beraten und zu befähigen etwas Neues zu probieren, Strukturen einzurichten oder zu schauen, was sie bereits haben, um sich nach diversity-sensiblen Kriterien weiterzuentwickeln.

"diversity-sensibel":
•    Unterschiede zwischen Menschen bewusst wahrnehmen und sie in ihrer Vielfalt wertschätzen – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter, Herkunft und Nationalität, Religion und Weltanschauung oder einer Behinderung
•    verstehen, was nötig ist, damit alle die gleichen Chancen haben

"kumulierte Risikolagen":
wenn mehrere Dinge gleichzeitig vorhanden sind, die sich eventuell negativ auf den Menschen auswirken, wie zum Beispiel: Arbeitslosigkeit (auch der Eltern oder Erziehnungsberechtigten) , geringes Einkommen oder geringe Ausbildung

 

Es wäre interessant für unsere Leser*innen etwas über Ihren Alltag zu erfahren. Sie machen Schul- und Betriebsberatungen, sowie Gender- und Diversity-Trainings im Rahmen des Programms. Wie sieht Ihr Berufsalltag aus? Was sind die normalen Herausforderungen und Aufgaben in Ihrem Bereich?

In letzter Zeit, besonders während der Pandemie, habe ich das Gefühl, dass die Arbeit ein sehr dominanter Teil in meinem Leben ist. BQN ist ein Arbeitgeber, der viel Raum bietet, um Neues auszuprobieren. Es ist dann meine eigene Verantwortung, die Aufgaben zu strukturieren und zu überlegen, woran ich mehr Interesse und Spaß habe. Wenn man das für sich herausgefunden hat, geht es in verschiedene Richtungen: Gespräche mit Schulen und Schüler*innen führen und schauen, wie der aktuelle Stand ist, wo die Bedarfe der einzelnen Schule sind. Man muss kreativ sein. Das klappt bei mir manchmal nicht, wenn ich gestresst bin. Was ich noch lerne ist, dass man nie fertig ist. To-Dos sollte man irgendwann vergessen, die werden zu viele. Gesprächsführung und auch konzeptionelles Denken, viel dokumentieren, mit dem Team intern austauschen, diese Dinge sind ein interessanter Teil meiner Arbeitserfahrung. Die Begleitung von TU-Studierenden ist eine neue Sache, die ich spannend finde, weil wir damit ein neues Netzwerk haben und wegen des wissenschaftlichen Inputs durch die Studierenden. Von diesen bekommen wir auch Feedback. Ich finde es immer interessant, wenn jemand mit einer externen Brille auf uns schaut. Ich würde sagen, dass meine Arbeit abwechslungsreich und lebendig ist.


Was sind häufige Probleme für junge Menschen mit Migrationsgeschichte beim Einstieg in den Arbeitsmarkt? Wie können sie diese vermeiden? Und sind es die gleichen Herausforderungen wie auch die von anderen Migrant*innen oder gibt es Dinge, die nur junge Leute betreffen?

Wir sprechen viel über Vielfalt, aber diese Vielfalt sehen wir nicht in der Arbeitswelt. Die Arbeitswelt ist manchmal rassistisch und diskriminierend. Du kannst als Bewerber*in alles mitbringen, alle Qualifikation haben, aber, wenn da eine Person ist, die dann diskriminierend ist oder lieber eine andere Person einstellt, ist es eine Hürde. Auf solche Situationen ist man nicht vorbereitet. Das hat mit der Struktur und den Institutionen zu tun. Wenn wir über den Zugang zum Arbeitsmarkt sprechen, sollte das Ziel sein, die Diskriminierung als institutionelles und strukturelles Problem zu erkennen. Die Qualifikationen sind da, die Kompetenzen sind da und trotzdem bekommt diese Person keinen Arbeitsplatz. Das ist diskriminierend und unfair und trotzdem gibt es solche Fälle. Das ist eine klare Machtungleichheit. Und es ist eine schwierige Erfahrung, die jeder junge Mensch mit einer Einwanderungsgeschichte erlebt und kennt. Was unterstützen und helfen kann, ist ein Netzwerk zu haben. Ich denke, auch hier in Deutschland funktioniert das sogenannte „Vitamin B“ gut.

Zu der Frage, ob das einige mehr betrifft als andere: ja, ganz klar. Das ist auch nach dem intersektionalen Ansatz: vulnerable Gruppen werden auf dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen, wenn sie sich bewerben. Deshalb braucht man hier ganz viele Veränderungen auf der Ebene der Institutionen und Strukturen. Sowie auch Diversity- Kompetenz als anerkannte Kompetenz auf dem Arbeitsmarkt. Ich wünsche mir gleichzeitig auch Empowerment für alle, die sich bewerben und so oft Türen ins Gesicht bekommen.

 "intersektional":
es tauchen Diskriminierungsformen auf wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Antifeminismus, religiöse Verfolgung, Homophobie, Transphobie, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung oder Klassismus, die sich überscheiden


Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrer Arbeit? Und was sind Ihre zukünftigen beruflichen Ziele?

Ich bin sehr glücklich über die Menschen, die ich hier treffen kann und die vorhandene Expertise, von der ich profitieren kann. Du kannst Tag für Tag an einem politischen Ziel, wie beispielsweise der Antidiskriminierung, arbeiten. Ich möchte meinen Weg fortsetzen in die Richtung Vielfalt, hier Menschen auf ihren Weg begleiten und unterstützen. Wohin mich das genau führen wird, kann ich heute noch nicht sagen. Ich habe hier bei BQN auf jeden Fall die Farbe und die Instrumente bekommen, um die Vision von einer Gesellschaft, in der ich gerne Teilnehmerin bin, zusammen mit guten Leuten zu malen.

 

Haben Sie Tipps für Migrant*innen, die jetzt auf der Jobsuche sind?

Von der zahlreichen Menge an Beratungsangeboten profitieren! BeuthBonus kann ich empfehlen. Sie haben eine Struktur mit definierten Zielen. Was man noch machen kann, wenn man sagt „Ich weiß noch nicht …“, ist zu einer Beratungsstelle gehen. Ein anderer Tipp wäre es, sein eigenes Profil zu erstellen, in dem noch einmal über Kompetenzen gesprochen wird und diese besser herausgearbeitet werden. Das hilft auch für das Selbstbewusstsein. Nutzt alles was ihr könnt! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es keine verschwendete Zeit ist. Es macht Spaß, weil du andere Menschen kennenlernst. Und: Gibt nicht auf! Es ist auf jeden Fall eine herausfordernde Erfahrung, aber sie gibt dir dann auch Vieles.

Im Namen des BeuthBonus+ Programms bedanke ich mich für das tolle Interview! Und ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Lebensweg, auch im Namen meiner Kolleginnen!

Copyright: BQN | Foto: Judith Affolter
Copyright: BQN | Foto: Judith Affolter

Das Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)" wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert

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