„Man muss Stein auf Stein bauen“ - Expertin Dr. Rasha Rahhal spricht über ihre Strategie bei der Arbeitssuche und Arbeitsrecht

erstellt von Luisa Jabs | |   Expert*innen-Interview

Wir haben mit Frau Rahhal bereits als Alumna gesprochen. Nun arbeitet die promovierte Juristin bei der Agentur für Arbeit in der Rechtsabteilung. Wie sie vorgegangen ist, um die neue Stelle zu finden und welche Tipps sie für Migrant*innen hat, lesen Sie im Interview.

 


Frau Rahhal, bevor Sie Ihren Job gefunden haben, haben Sie zwei Weiterbildungen abgeschlossen – eine bei der Beuth Hochschule am Fernstudieninstitut und eine externe. Wie haben Ihnen diese beiden Weiterbildungen zu Arbeitsrecht weitergeholfen?

Als ich bei BeuthBonus+ war, hat mich Frau Adlung ermutigt, mich wieder mit Arbeitsrecht zu beschäftigen. Die Beuth Hochschule hat mir ermöglicht, für mehrere Monate in einem universitären Umfeld zu lernen. Ohne die Unterstützung bei BeuthBonus+ und das Stipendium der Hochschule hätte ich es nicht schaffen können.

Die Weiterbildung an der Beuth Hochschule fand im Fernstudium statt und man musste am Ende eine Klausur schreiben. Meine zweite Weiterbildung wurde von der Agentur für Arbeit gefördert. Darin konnte ich meine beruflichen Fähigkeiten schärfen. Die Weiterbildung hat nur einen Monat gedauert. Sie war dafür aber sehr intensiv. Ich konnte die juristische Sprache dort mehr vertiefen. Ich hatte dazu vier oder fünf Stunden täglichen Intensivunterricht.


Hat Ihnen Ihre zweite Weiterbildung direkt auf dem Weg zu Ihrer heutigen Arbeit geholfen?

Man muss Stein auf Stein bauen. Das Stipendium an der Beuth Hochschule war der erste Schritt und die Weiterbildung über Arbeitsrecht der zweite. Man sollte immer realistisch sein. Früher war ich Professorin, aber hier kann ich das nicht. Man überlegt sich am besten immer Alternativen. Als Alleinerziehende gehören die Nachmittage meiner Tochter. Ich habe mit Bewerbungen für Stellen angefangen, die meinen bisherigen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechen. Darauf kamen nur negative Antworten. Mein Plan danach war, mit Kindern zu arbeiten. Also habe ich für zwei Jahre als Honorarkraft an einer Schule gearbeitet, parallel zu meiner Weiterbildung. Dann bekam ich einen Anruf von meinem Arbeitsvermittler. Er hat mir von der Stelle bei der Agentur für Arbeit erzählt und mich gefragt, ob ich mich darum bewerben will. Ich habe ja gesagt, aber gezweifelt. Ich dachte, vielleicht bin ich noch nicht reif für die Stelle. Doch seit Mai bin ich erwerbstätig. Endlich konnten ich und die Personen, die mir geholfen haben, Ergebnisse ernten. Ich habe finanzielle Selbstständigkeit gewonnen.


Können Sie uns von Ihrer bisherigen Arbeitserfahrung im neuen Job erzählen?

Ich arbeite jetzt bei der Agentur für Arbeit in der Rechtsabteilung. Wir beschäftigen uns mit SGB 3, also Sozialgesetzgebung. Dabei geht es um Arbeitsförderungsrecht in Deutschland. Es geht um Leistungsempfänger und die Menschen, die von diesem Recht profitieren. Und auch um Ausbildungen. Das entspricht auch meinem Rechtsgebiet, was mich sehr freut. Derzeit haben wir keinen Publikumsverkehr wegen der Pandemie. Ich arbeite mich noch ein. Gerade mache ich eine Intensivschulung mit und hospitiere bei anderen Angestellten. Mein nächstes Ziel ist es, einen Artikel zu veröffentlichen, in dem ich Migrant*innen Sozialrecht erkläre. Viele Leute kennen ihre Rechte und Pflichten nicht.


Haben Sie Tipps, worauf man vor allem als Migrant*in, der*die nach Deutschland kommt, achten kann?

Optimistisch denken, die Sprache lernen und die eigene Zeit nutzen. Ich hoffe, dass ich meine Erfahrungen an Menschen in ähnlichen Situationen weitergeben kann. Deutsch üben geht auch durch Podcasts und Zeitung lesen. Manchmal fehlen Migrant*innen nur unterstützende Worte. In Deutschland gibt es zahlreiche Einrichtungen, die Migrant*innen bei der Orientierung helfen. Es ist auch wichtig, dass man diese Entscheidung selbst trifft, sich die Mittel aussucht und wieder durchstartet. Man braucht auch immer Zeit, wie viel, hängt von der eigenen Situation ab. Aber am Ende können alle das Ziel erreichen – egal, ob auf persönlicher oder beruflicher Ebene.


Haben Sie Tipps für andere Migrant*innen, die gerade auf Jobsuche sind? Worauf können sie z.B. beim Arbeitsvertrag achten?

Erstens: Ein Arbeitsvertrag kann befristet oder unbefristet sein. Zunächst ist es normal, dass man einen befristeten Vertrag bekommt. So ist das auch bei mir. Der Arbeitgeber muss einen erstmal kennen lernen. Also nicht enttäuscht sein. Zweitens: Bevor man einen Arbeitsvertrag unterschreibt, am besten die Unterlagen mit nach Hause nehmen und in Ruhe lesen. Man muss bei seinem Gehalt auf den Mindestlohn achten, der auf jeden Fall eingehalten werden muss. Und der Arbeitsort spielt auch eine Rolle.

Auf keinen Fall sollte man einen Arbeitsvertrag unterschreiben, bis man sich sicher ist, dass alles in Ordnung ist. Immer aufpassen, dass es keine Schwarzarbeit ist, denn in Deutschland gibt es eine Sozialversicherungspflicht. Nur wenige haben genügend Erfahrung, um Fehler direkt zu entdecken. Deswegen lieber auf Nummer sicher gehen und sich beraten lassen. So kann man auch zukünftige Probleme vermeiden.

Copyright: Rasha Rahhal

Das Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)" wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert

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