Sprache als Empowerment-Strategie: Rhetorik-Expertin Betty Wollgarten empfiehlt folgende Kommunikationsstrategien bei wichtigen Präsentationen

erstellt von Karina Cornacioni Sávio und Betty Wollgarten | |   Expert*innen-Interview

Betty Wollgarten – Dozentin für Rhetorik, Gesprächsführung und Performance im Programm BeuthBonus+, Coach sowie Autorin – erzählt uns, mit welchen Methoden Sie sich gut auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten können. Und welche Strategien es gibt, um einen Arbeitsplatz bzw. eine berufliche Nische zu finden.

Wie erlernen wir kommunikative Kompetenzen? Ist es eine Frage der Persönlichkeit? Und wie können sie uns im Berufsleben helfen?

Ich kann das nicht auf die jeweilige Persönlichkeit eingrenzen, sondern Kompetenzen werden entwickelt und damit ein Stück weit auch trainiert. Ein wichtiger Baustein sind dabei Vorbilder – ich erlerne und entwickle kommunikative Kompetenzen an meinen Vorbildern. Und da stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten und Chance ich in diesem Zusammenhang gehabt habe. Das fängt in Familie und Schule an und wird schließlich durch die berufliche Sozialisation geprägt. Wie war die Situation bei meiner Praktikumsstelle oder in meinem ersten richtigen Job? Was für eine Führungskultur gibt es in meinem Unternehmen? Wenn ich z.B. in einem extrem autoritär geführten Unternehmen arbeite, wo immer der Chef sagt, was richtig und was falsch ist, und wo ein offenes und vor allem kritisches Gespräch weder erwünscht noch möglich ist, dann kann ich das auch nicht erlernen. Wenn jemand zu Beginn seiner Karriere einen Job findet und fünf bis zehn Jahre im gleichen Unternehmen bleibt, dann lernt diese Person, wie dort kommuniziert wird. Aber woanders kann die Kommunikation ganz anders ablaufen. Deswegen ist der Eintritt ins Berufsleben ein besonderer und prägender Schritt.

Als Autorin beschäftigen Sie sich auch mit den Themen Kommunikation und Kompetenzentwicklung?

Ja, genau. Ich veröffentliche gerade das Buch „Ich-Sprache – Was ich tue, wenn ich spreche“ als Co-Autorin. Darin beschäftigen Gudrun Kaltwasser und ich uns mit diesen Fragen: Wie muss ich sprechen, damit ich einerseits verstanden werde und ich andererseits verstehen kann? Es ist vollkommen normal, dass das Verstehen nicht unbedingt klappt und das nicht nur aus fremdsprachlichen Gründen. Aber wie kann ich diesen Prozess der Klärung herbeiführen und steuern? Sprache hat auch etwas mit Empowerment zu tun. Wie kann ich die Sprache nutzen, dass es mich empowert, also ermächtigt? Wie kann ich meinen Handlungsspielraum ein Stück erweitern, der es mir ermöglicht, einen neuen Schritt zu gehen? Das ist meistens schon eine Form der Erleichterung, zu sehen, dass man nicht ohnmächtig ist, sondern selbst etwas tun kann: Entscheidungen treffen und sprechen. Sprechen ist eine Form des Handelns.

Der (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben oder in eine neue Arbeitswelt ist eine große Herausforderung für alle, die in ein anderes Land ziehen. Was sind die häufigsten Kommunikationsprobleme, mit denen zugewanderte Personen in diesem Kontext zu kämpfen haben?

Was offensichtlich, aber nicht zu unterschätzen ist, ist die sprachliche Kompetenz, das fremdsprachliche Leistungsniveau. Bei mir im Kurs ist häufig die Aussprache das Problem und gar nicht die Grammatik oder der Wortschatz. Und, dass die Geduld genau zuzuhören und verstehen zu wollen beim Gegenüber nicht immer da ist. Eine andere Frage ist, was hier normal ist. Mein Kurs fokussiert sich auf die Vorbereitung von Bewerbungs- und Mitarbeitergesprächen sowie auf fachliche Präsentationen. Hier ist wichtig: Was für eine Struktur hat so ein Gespräch überhaupt? Wie läuft ein Vorstellungsgespräch ab? Wer stellt sich wann vor? Was wird von mir erwartet? Und wo kann ich wie steuern?

Im Bereich Vorstellungsgespräch gibt es immer einen Standardblock, wo die Bewerber*innen sich selbst kurz vorstellen, auch wenn der Lebenslauf schon vorliegt: Den Namen sagen; wichtige Erfahrungen und Kompetenzen darlegen, die für diese Stelle relevant sind; die Motivation natürlich, warum bewerbe ich mich auf diese Stelle? Die eigenen Kompetenzen und relevanten Erfahrungen für den Job sind wichtig. Warum denke ich, dass diese Stelle zu mir passt? Das ist etwas, worauf ich mich wunderbar vorbereiten kann. Ich kann das schriftlich vorbereiten und den Text vorher korrigieren lassen. Ich kann das laut vorlesen, erst einmal allein, meine Aussprache korrigieren lassen, danach kann ich mit Freunden üben. Das ist etwas, das auch Muttersprachler*innen tun müssen.

Welche sind die häufigsten Schwierigkeiten, wenn Nicht-Muttersprachler*innen etwas präsentieren müssen?

Eine häufige Herausforderung ist die Körpersprache, das gilt übrigens auch für Muttersprachler*innen. Ich hatte einen Kunden, der viel gelacht hat. Es war Teil seiner Persönlichkeit, aber er hat gemerkt, dass sein häufiges Lachen nicht immer gut ankam. Da kann es hilfreich sein zu wissen, dass solch ein Lachen häufig als Unsicherheit und mangelnde Souveränität ausgelegt wird. Unabhängig davon, ob das tatsächlich der Fall ist oder nicht, habe ich bei einer Bewerbungssituation nicht die Möglichkeit, solch eine körpersprachliche Irritation zu klären. Daher ist es gut, wenn ich weiß, wie ich mutmaßlich auf andere wirke. Ich kann mir dann überlegen, wie ich damit zielführend umgehen möchte. Das muss nicht unbedingt heißen, weniger zu lachen, es kann auch bedeuten, die Sache aktiv anzusprechen.

Ein anderes Problem ist, dass eine Person so aufgeregt ist, dass sie nicht weitersprechen kann. Das kann ebenfalls Muttersprachler*innen passieren. Da ist dann die Frage: Wie gehe ich mit diesem Lampenfieber und den daraus resultierenden Einschränkungen um? Ziel ist, dass ich mir Strategien bereitlege, die mir helfen mich schnell wieder auf das jeweilige Thema zu fokussieren. Da hilft es z.B., das anzusprechen und nicht so zu tun, als sei nichts gewesen. Wenn ich ein Blackout habe, kann ich sagen: „Entschuldigung, ich habe gerade ein Blackout. Ich muss nochmal zwei Folien zurück blättern“. Oder man kann ein bisschen reden, um Zeit und Sicherheit zu gewinnen, z.B. fehlende Begriffe umschreiben, eventuell sogar den muttersprachlichen Begriff fallen lassen.

Wie kann die Einstellung (Motivation, Selbstvertrauen usw.) der Arbeitssuchenden die Kommunikation positiv oder negativ beeinflussen?

Erstmal zum Selbstbild. Wenn ich ein negatives Selbstbild habe oder ich mich unterlegen fühle, weil ich mich noch nicht so richtig angekommen fühle, weil ich die kulturellen Codes nicht verstehe, weil ich mich sprachlich nicht souverän und schnell ausdrücken kann, dann hat das natürlich Einfluss auf das eigene Auftreten. Wie kann man also mit dieser Einschränkung umgehen? Ein aktiverer Umgang mit Einschränkungen schlägt sich automatisch positiv auf das Selbstbild und Selbstbewusstsein nieder.

Wie können die Arbeitssuchenden ihre Stärken während des Vorstellungsgespräches unterstreichen?

Am besten können sie das unterstreichen, indem sie die Stärken konkret an einem Beispiel belegen. Bei der konkreten Situation ist es egal, ob sie aus einer Freiwilligentätigkeit, einem Studentenjob oder einem Praktikum stammt. Man sollte erklären: Damals hatte ich diese Aufgaben, damals gab es dieses Problem und darauf habe ich so reagiert.

Wir haben hier in Deutschland einen relativ direkten Kommunikationsstil. Wir sagen (meistens), was wir meinen. Das ist etwas, was auf Menschen, die aus anderen Kultur- und Sprachräumen kommen, befremdlich wirken kann. Wenn man sich diesem Sprachstil annähern und Souveränität zeigen möchte, dann empfehle ich, klar und deutlich von sich selbst zu sprechen. Sprachlich bedeutet dies, das Pronomen „ich“ zu verwenden, nicht „wir“, „man“ oder eine Passivkonstruktion. Mit Sätzen, in denen „ich“ vorkommt, zeigt die Person sich notwendigerweise. Wir nennen das in unserem Buch auch „Ich-Sprache“. Sie können das üben, indem Sie jeden Satz mit „ich“ anfangen - eine Übung, die Sie überall anwenden können.

Worauf sollten Nicht-Muttersprachler*innen achten, wenn sie (etwas oder sich selbst) präsentieren?

Den aktiven Umgang mit Fehlern oder Unsicherheiten. Ich habe den Eindruck, dass Menschen, wenn sie sich bei der Aussprache nicht zu 100 % sicher sind, gerne undeutlich sprechen. Wenn das bei einem Wort passiert, macht das nichts. Wenn es aber die ganze Zeit stattfindet, ist man schwer zu verstehen. Mein Tipp: langsamer sprechen und vorher gezielt die Aussprache üben, d.h. sich durch Muttersprachler*innen Feedback einholen und sich korrigieren lassen.

Sie unterrichten „Rhetorik, Gesprächsführung und Performance“ im Programm BeuthBonus+. Was sind die besten Methoden und Techniken, die die Teilnehmenden dort lernen können?

Ich gebe Impulse zum Thema Gesprächsführung. Wie stelle ich Fragen, wie höre ich zu? Wie gebe ich eine Rückmeldung? Sprache hat einen großen Anteil daran, wie ich Souveränität erlangen kann, aber natürlich gehören dazu auch Körpersprache, Stimme und Stimm-Training. Auch was zu einer guten Vorbereitung gehört, thematisiere ich. Sonst rate ich noch dazu, Feedback einzuholen. Dazu biete ich im Kurs ganz konkret Rollenspiele an.

Wenn der Wunsch besteht, über Sprache und Kommunikation zu sprechen, steckt häufig das Thema Konflikt dahinter. Dass die Kommunikation schwierig ist, merke ich erst, wenn sie nicht funktioniert. Wie kann ich also mit Konflikten umgehen, sie gar bewältigen? Im ersten Schritt zitiere ich dazu gerne den österreichischen Psychiater Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit.“ Ich habe also immer mehrere Möglichkeiten zu reagieren und ich muss das selten sofort tun. Das ist die Regel Nummer 1 im Umgang mit Konflikten.

Um sich klar zu werden, wie groß diese Freiheit sein kann, gibt es eine schöne Übung: Überlegen Sie sich fünf bis acht Möglichkeiten, wie Sie reagieren könnten. Eine oder zwei Möglichkeiten fallen uns immer ein, das ist nicht besonders schwierig. Diese Möglichkeiten zeigen die Art und Weise, wie wir normalerweise reagieren. Aber fünf oder acht Verhaltensweisen, da muss man richtig nachdenken. Diese Übung können Sie auch im Rückblick durchführen – wie hätte ich alternativ agieren können? Das zeigt Handlungsspielräume und Verhaltensmöglichkeiten auf.

Haben Sie Tipps für Migrant*innen, die auf der Suche nach einer neuen Stelle sind?

Sich nicht verstecken! Man sollte ein möglichst großes Netzwerk aufbauen, was für manche leichter ist als für andere. Es gibt zwar öffentliche Jobausschreibungen, vieles läuft allerdings über persönliche Netzwerke. Es gibt verschiedene Ansätze, um einen Job zu finden. Ein Ansatz ist, dass ich mir genau die Nische suche, die nur ich besetzen kann. Es ist nicht einfach, diese seltene Schnittmenge aus Interessen, Erfahrungen und Kompetenzen zu finden, für die es keine anderen Bewerber*innen gibt. Menschen, die das geschafft haben, haben sich meistens ihre Stelle mehr oder minder selbst geschaffen, d.h. die Stelle war nie ausgeschrieben. Ein Weg, sich ein Netzwerk aufzubauen, liegt in allen Formen ehrenamtlicher und freiwilliger Arbeit, Praktika, usw. Das freiwillige Engagement ist in Deutschland weit verbreitet und hat Tradition. Große Institutionen wie kleine Initiativen suchen immer Nachwuchs und neue Mitarbeiter*innen: beispielsweise im Bereich des Katastrophenschutzes die Feuerwehren oder das Technische Hilfswerk. Um in diesem Beispiel zu bleiben: Hier spielt Technik eine große Rolle und dafür bieten die Hilfsorganisationen Aus- und Fortbildungen an. Das ist auch ein Weg, um sich weiter zu qualifizieren, die Sprache zu üben, Kontakte in die Gesellschaft aufzubauen und Netzwerke zu knüpfen.

Danke für das interessante Gespräch und das BeuthBonus+ Team bedankt sich auch für die Gelegenheit, diese Informationen weiterzugeben!

Betty Wollgarten steht in einem Park und lächelt in die Kamera
© Betty Wollgarten

Das Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)" wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert

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