Ihre Zukunft selbst aufbauen – Interview mit der Expertin Maria Oikonomidou

erstellt von Karina Cornacioni Sávio | |   Expert*innen-Interview

Maria Oikonomidou arbeitet bei VIA – dem Verband für interkulturelle Arbeit, Regionalverband Berlin Brandenburg e.V. Dort leitet sie das Projekt „Kommune Interkulturell“, das Teil des IQ Netzwerks Berlin ist. Seit 10 Jahren lebt die gebürtige Griechin in Deutschland. Studiert hat sie Soziologie und zuvor gearbeitet als Museumswissenschaftlerin. Sie berichtet, wie wichtig es war, eine bewusste Entscheidung zu treffen, um sich selbst eine Zukunft aufzubauen.

 

VIA berät sogenannte Migrant*innenorganisation (MO). Was sind die MOs genau?

MOs, wie wir sie abgekürzt nennen, sind Vereine, deren Vorstände mehrheitlich selbst eine Migrationsgeschichte haben und integrationspolitische Ziele verfolgen. Sie befassen sich mit integrations-/migrationspolitischen Themen und entwickeln Angebote, um Personen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingsgeschichte und deren Communities zu unterstützen. Es gibt unterschiedliche Formen – z.B. Menschen, die sich ehrenamtlich für migrationspolitische Themen einsetzen. Aber auch Organisationen, die eine rechtliche Form haben. Sie können Projekte beantragen und somit öffentliche Gelder bekommen. Die Projekte umfassen Bereiche wie Arbeitsmarkt oder Migration-Integration. Es werden aber auch Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt und an Gremien teilgenommen. So bringen sie ihre Erfahrungen und Expertise ein.


Welchen Beitrag leisten MOs für die Vielfalt auf dem deutschen Arbeitsmarkt / in der deutschen Gesellschaft?

Einerseits sind sie für Arbeitnehmer*innen da. Sie können die Menschen mit ihren muttersprachlichen Kenntnissen besser verstehen – und wissen konkret, was diese Personen brauchen. Die Organisationen leisten einen großen Beitrag, dass die Leute richtig qualifiziert werden. Oder, dass sie eine adäquate Stelle bekommen, die deutsche Sprache lernen und richtig informiert sind. Anderseits haben sie einen guten Zugang zu den Migrant*innen-Unternehmen. Das ist sehr wichtig, weil sie die Leute direkt über Themen wie Vielfalt, interkulturelle Öffnung und vielfältig-orientierte Organisationsentwicklung informieren können. Und, damit sich die Mitarbeiter*innen besser verstehen – und Ideen sowie Innovationen entwickeln können.


VIA bietet unter anderem Beratung, Prozessbegleitung und Coachings für MO an. Wie funktioniert die Unterstützung von Organisationen konkret? Wer kann sich an Sie wenden?

VIA ist einerseits ein Dachverband für momentan 50 Organisationen und andererseits sind wir ein Projektträger. Wir sind tätig in der Stadtteilarbeit und in der interkulturellen Frauenarbeit. Aber auch in den Bereichen Rassismus und Diskriminierung, Gesundheit und Migration. Aber unser Hauptschwerpunkt ist das Thema Beratung von MOs. Da haben wir zwei Projekte im Rahmen des IQ Netzwerks Berlin, wo ich die Stelle als Leiterin habe: Die VIA-Servicestelle, in der wir Geschäftsführer*innen Best Practice vermitteln. Und wir beraten Personen, die Vereine gründen wollen. Von den Basics – wie gründe ich überhaupt einen Verein? – bis zu Fragen der Gemeinnützigkeit. Oder sprechen mit etablierten Vereinen und versuchen, ihre Programme praktisch zu erweitern. Es geht darum, bedarfsorientierte Maßnahmen zu organisieren.


Was sind die häufigsten Probleme der Menschen und Organisationen, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Die Themen sind normalerweise: Probleme mit der Verwaltung, Wohnungssuche, Arbeitsmarkt und gesundheitliche Themen. Es gibt wenig Ratsuchende, die konkret ihr Problem benennen können, und normalerweise sind das Personen, die sehr gut qualifiziert sind. Die Arbeit der Berater*innen ist, genau das herauszufinden. Fast in jedem Fall machen wir mehrere Beratungssitzungen.


Wie finden unsere Leser*innen eine MO, die ihre Interessen vertritt? Gibt es z.B. ein Portal, das alle auflistet oder eine Dachorganisation?

Ja, tatsächlich gibt es die: das Berliner Beratungsnetz für Zugewanderte (https://www.beratungsnetz-migration.de). Das ist eine Datenbank, in der MOs und andere Organisationen sind, die sich mit dem Thema Migration beschäftigen. Sie sind aufgeteilt nach Bezirken und Themenbereichen – z.B. das Thema Arbeitsmarkt. Kleine Organisationen sind hier aber oft nicht aufgelistet. Ansonsten gibt es eine Datenbank bei https://www.berlin.de/. Sie ist von der Integrationsbeauftragten des Landes. Dort findet man alle MO. Auch welche, die gar nicht mehr tätig sind.


Könnten Sie uns ein bisschen über Ihre eigene Migrationserfahrung erzählen? Wie ist es für Sie heute in Deutschland und im Bereich Migration zu arbeiten?

Für meinen beruflichen Weg hat tatsächlich eine große Rolle gespielt, dass ich selbst eine Migrantin bin. Ich sage immer zu Personen, die ich unterwegs oder in meiner Beratung treffe: Berlin ist nicht einfach. Ich finde es wichtig zu sagen, dass man Zeit, Lust und Geld investieren muss. Das sind die drei Faktoren, die wir als Zugewanderte hier investieren müssen. Ich hatte die Gelegenheit und die Möglichkeit, das so zu machen. Dass ich die Sprache lerne und hier überhaupt klarkomme. Und natürlich ist es sehr wichtig, die richtigen Leute kennenzulernen. Besonders Personen kennenzulernen, die einen unterstützen wollen. MOs können dabei helfen. Aber viele Menschen, die hierherkommen, wissen überhaupt nicht, was eine MO ist. In meiner Heimat Griechenland gibt es kaum solche Organisationen.


Wie hat Berlin Ihnen bei Ihrem Neueinstieg ins Berufsleben geholfen? Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt gemacht?

Ich bin Museumwissenschaftlerin von Beruf und habe Soziologie studiert. Ich habe mich hier beim griechischen Kulturzentrum beworben. Danach war ich im Bereich Integration und Migration in einer MO tätig. Ich habe mich mit Zugewanderten und deren alltäglichen Problemen beschäftigt und ich baute die Beratungsstelle auf. Dadurch habe ich auch die Netzwerkarbeit des Trägers mit aufgebaut und konnte mehrere Akteure auf bezirklicher, Landes- und Bundesebene kennenlernen und dementsprechend in einem persönlichen Netzwerk verknüpfen. In Berlin, davon bin ich überzeugt, findet jede ihre Stelle, die aber nicht immer adäquat zu deren Berufsqualifikationen sind. Was meine ich damit? Es gibt viele Personen, die eine Arbeit finden und ausüben und dann irgendwann weggehen, um bessere Lebensbedingungen zu suchen. Aber wenn du Zeit investierst und Lust hast, baust du dir deine Stelle selbst auf. So habe ich es gemacht.


Haben Sie Tipps für andere Zugewanderte, die in den deutschen Arbeitsmarkt einsteigen möchten?

Man muss seine Zukunft selbst aufbauen, muss offen und bereit sein, um neue Herausforderungen anzunehmen. Man muss außerdem fleißig sein. Meine Empfehlung ist zuerst einmal, vorbereitet nach Deutschland zu kommen: mit Zeit, Lust und Energie. Eine bewusste Entscheidung zu treffen, die Sprache zu lernen. Es muss nicht perfekt sein, aber Deutschkenntnisse zu haben, ist wichtig. Und dann ein Netzwerk aufbauen und die richtigen Leute kennenlernen. Dafür sind MOs sehr gut. Und man sollte vorsichtig mit Geld sein. Worin ich mein Geld und meine Zeit investiere, ist sehr wichtig.

Copyright: Maria Oikonomidou

Das Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)" wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert

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